• Katalogtext für Waltraud Stalbohm 4/2017 (c) Jens Rönnau
    Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

    Eine Frau steht da vor schwarzem Hintergrund, barfuß, mantelartig umhüllt von einer wulstigen gesteppten Decke mit silbrigem Glanz, die sie über die Schultern geworfen hat. Darunter trägt sie ein dunkles, leichtes Gewand. Während ihre Füße eine bräunlich-grünliche Farbigkeit haben, sind Hals und Gesicht fast weiß, hier und da ins Rosa spielend. Ihre Augen sind geöffnet, doch der Blick geht zur Seite, scheint leer und nach innen gekehrt.

    "Frau mit Umhang" titelt Waltraud Stalbohm ihr lebensgroßes Ölgemälde schlicht, das sie Ende des Jahres 2016 auf der Landesschau des schleswig-holsteinischen Künstlerverbandes in der Kieler Stadtgalerie zeigte. Etwa fünf Meter vor diesem Bild installierte sie eine ebenfalls lebensgroße Gipsbüste einer weiblichen Figur, deren Arme herabhängend eingewickelt unter einem weißen Tuch verschwinden. Der Kopf ist bedeckt mit einer eng anliegenden Kappe aus Blei, die an eine Badekappe denken lässt. Sie ist sichtbar mit dünnen Nägeln an der Figur fixiert. Während der Körper in seiner mattgrau-bräunlichen Farbigkeit etwa die Gesichtsfarbe der Person im Gemälde aufnimmt, korrespondiert das Bleigrau der Kopfbedeckung mit der gemalten Decke im Bild. Der Mund der Gipsbüste ist leicht geöffnet, die Augen halb geschlossen, wobei der Zwischenraum der Augenlieder in ein dunkles Nichts zu führen scheint, was an Totenmasken erinnert.

    Beiden Darstellungen haftet eine gewissen Leere an, eine melancholisch anmutende Einsamkeit oder Verlassenheit, was besonders im Bild durch den nachtschwarzen Hintergrund gesteigert wird. Was mag die Künstlerin zum Schaffen solcher Werke treiben?

    Schon für sich allein und erst recht in ihrer Kombination können beide Werke Gefühle der Nachdenklichkeit, auch der Beklommenheit erzeugen. Und es war in der Ausstellung zu beobachten, dass sich das Publikum dieser Inszenierung besonders widmete. In gewisser Weise war man wie magisch angezogen - vielleicht weil die Wirkungen Fragen aufwerfen ohne Antworten bereit zu halten: Die Fragen prallen auf den Betrachter zurück, scheinen dessen Fragen an ihn selbst zu richten. Man könnte beide Arbeiten insofern als eine Diskurshilfe zur Nachdenklichkeit begreifen, als Hilfe zur Frage, worüber es nachzudenken gilt. Hier wäre dem Betrachter als Individuum nun alle Freiheit der Deutung und Bezugnahme gegeben.

    Blickt man auf das Gesamtwerk von Waltraud Stalbohm, so nehmen diese Arbeiten eine Sonderstellung ein - und passen dennoch nahtlos dazu. Da sind jene Leiber, die rücklings in Schnüren hängen, etwa eine lebensgroße Personenfigur aus Wachs und Papiermaché, eingewickelt in Stoff und an Bindfäden in ein Eisengestell gehängt. Stalbohm titelt dazu "Dein aschenes Haar Sulamith" - und lässt damit keinen Zweifel, dass es um den Holocaust des Nazi-Deutschlands geht, um den Massenmord an den Juden und anderen Völkern und Bevölkerungsgruppen. "Ich habe mich sehr mit dem Verschwinden der Juden beschäftigt", sagt die Künstlerin. Die in Schnüren hängende Figur begreift sie auch als "Pieta", der sie ihre Würde zurückgeben möchte. Insofern ist sie symbolisch schützend gewickelt und schwebend präsentiert.

    Ein anderer Zyklus heißt "Schatten": Raumbeherrschend sind große Bahnen aus Transparentpapier von der Decke bis zum Boden gehängt, auf denen mit weißlicher Lackfarbe jene geschundenen Körper Geistern gleich erscheinen, wie man sie aus Erinnerungszeichnungen ehemaliger KZ-Gefangener kennt, in ihren Übersetzungen etwa von Malern wie Francis Bacon oder Harald Duwe. Bei Waltraud Stalbohm bilden diese Bahnen in großer Anzahl ein Labyrinth solcher Bilder, das einen zumindest gedanklich kaum freigeben will. Diesem 1998 entstandenen Zyklus folgte zwei Jahre später eine Reihe fragmentarischer Menschenbilder aus Kalk und Wachs auf 1,80 Meter langen Bleibahnen, als solle das Leid jener Geschundenen stockend nachbuchstabiert werden.

    Parallel dazu gibt es Bilder auf 24 Bleitafeln. Jeweils ein lebensgroßer Kopf ist schemenhaft mit Kalk darauf gemalt: "Requiem" - es sind die Gesichter von Kindern aus Konzentrationslagern, verblassend und brüchig auf jenes graue, schwere Material gebracht. 2012 kommt das Material im Rahmen der 1. Stormarner Kirchenmusiktage während einer Performance zum Einsatz. Mit transparent-weißlicher Schrift schreibt sie die Menschenrechtscharta auf eine lange Bleitafel, um diese sodann von oben nach unten aufzuschlitzen und gelblichen Schaum hindurchtreten zu lassen. Dazu erklingt Orgelmusik: "Complementations" von Miklós Maros - eine Kombination, die erschauern lassen kann.

    Ein anderes wiederkehrendes Thema sind vereinzelte Möbelstücke, ein leerer weißer Stuhl vor dunklem Grund etwa oder eine wackelige Liege in einem leeren hellen Raum, die von roten Tropfspuren gezeichnet ist und unzweideutig auf das Grauen von Unrecht und Folter verweist. Auch der Stuhl weist eine rätselhafte rote Spur auf - Stalbohm hat sich durch Folter-Berichte von Amnesty-International solchen Darstellungen zugewandt.

    Es geht, zusammenfassend betrachtet, um ein Lamento, um ein Klagelied auf das Leid der Welt, auf Ungerechtigkeiten und Unfassbares. Es geht um einen empathischen, schmerzvollen Blick auf das, was Menschen sich seit der Existenz der Menschheit immer wieder antun: Da ist - natürlich - Auschwitz, da ist der millionenfache Mord in Konzentrationslagern durch Deutsche, da ist das millionenfache Morden der Militärs auf ihren Schlachtfeldern und unter der Zivilbevölkerung, da ist die verfehlte Politik, die Gier der Menschen nach Geld und Macht, die solche Entgleisungen ermöglichen.

    Warum aber widmet die Künstlerin sich so umfassend diesen Themen? "Es gelingt mir nicht, etwas Heiteres zu machen - es macht immer wieder eine Kehre und geht ins Düstere", verrät sie. Und immer wieder treiben sie ähnliche Themen an die Staffelei oder an die Gipsmodelle. Waltraud Stalbohm ist Nachkriegskind, 1947 geboren. Sie beschreibt ihre Mutter als humorvoll, gefühlvoll. Ihr Vater war im Zweiten Weltkrieg Schlosser in einem Fliegerhorst, später Frontsoldat in Frankreich. Wie so viele sprach er nie über den Krieg - und brach Gespräche sofort ab, wenn sie darauf kamen. Insofern gehört die Künstlerin der typischen Generation der Nicht-Informierten an, die man meinte, bewahren zu können, vor denen verheimlicht wurde - und die sich dann in der 1960er Jahren mit umso größerer Vehemenz die Antworten selbst zu suchen begannen. Vielleicht kann man die Antworten auf seine Fragen auch beim Malen suchen - ein Suchen, das bei Stalbohm oft im Buchstabieren der Tat zu erstarren scheint.

    Aber nur Anklage? Nur Lamento? Eine ganze Reihe ihrer Arbeiten sind als Nahtstelle zu Lösungen aus dem Dilemma anzusehen. Dazu zählt etwa die "Sulamith"-Installation, die einen Versuch um Heilung anstimmt. Dazu zählen aber auch die aneinandergeschmiegten Steinguss-Köpfe, die ein gefühlvolles "Tangopaar" darstellen oder die hingekritzelte Zeichnung einer Person, die eine andere an einer Leine emporzieht: "Flieg ein bisschen". Als kleine Fluchten erscheinen solche Arbeiten vor den übermächtigen Schreckensthemen.

    Nahtstellen dazu können aber auch Werke sein wie das Gemälde und die Büste in der Landesschau 2016. Man könnte bei ihnen sogar von Schlüsselwerken sprechen, um aus der Erstarrung vor dem Unfassbaren heraus gelangen zu können, denn sie beziehen sich auf den damit konfrontierten Unbeteiligten, auf die Innenschau des Individuums, das neben jenem Geschehen der Verbrechen an der Menschheit steht: überwältigt, hilflos, nach Orientierung suchend, nach Wegen einer Verbesserung. Das erscheint, bei verallgemeinernder Betrachtung, eine Sisyphosarbeit zu sein, denn was einst unter der Verantwortung unserer deutschen Vorfahren geschah, ist derzeit zwar auf deutschem Boden oder unter deutscher Zuständigkeit kaum wahrscheinlich - leider aber geschieht Ähnliches bis heute auch weiterhin in der Welt, derzeit beispielsweise in Syrien oder einigen afrikanischen Staaten. Ausgrenzung bestimmter Menschengruppen aus Gesellschaften, Pogrome sind immer wieder vorkommende Verbrechen von Menschen an Menschen. "Der Mensch ist wie er ist", sagt Stalbohm, "es wird immer weiter passieren, das macht mich einfach fassungslos, ich reagiere aus einer Ohnmacht heraus."

    "Homo homini lupus" formulierte der Staatstheoretiker und Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert - "der Mensch ist dem Menschen ein Wolf". Schon er bezog sich damit auf die wesentlich ältere Redewendung des römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus in vorchristlicher Zeit. Sinngemäß sagte jener damals: "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, solange man sich nicht kennt." Doch wie fähig ist die Menschheit, Andersartiges wirklich kennen zu wollen oder es zu können? Wie viel Fremdheit erträgt ein Mensch, bevor er sich abgrenzt? Wo beginnt für wen der Bereich der Zumutung? Wir können das derzeit tagtäglich wieder im "eigenen Lande" nachvollziehen, müssen Strömungen beobachten, wo die große Not anderer Menschen erst zu Massenflucht führt, dann zu zunehmenden Abgrenzungserscheinungen in den Zufluchtsgebieten - und schließlich nur allzu oft zu Hass und Gewalt. Die Spirale dreht sich und scheint unendlich zu sein.

    Sehen wir auf die beiden eingangs beschriebenen Werke von Waltraud M. Stalbohm, so kann man sich auch gut vorstellen, dass ähnliche Gedanken zu diesen Darstellungen geführt haben, dass jene Frau die Decke gleichsam als belastenden Alptraum wie als wärmende Hülle empfinden könnte, dass die in der Gipsbüste Dargestellte als nachdenklich Versunkene nach Antworten sucht. Wer übrigens die Urheberin kennt, kann in dieser Figur zumindest Ähnlichkeiten zu ihr feststellen. Dass sie selbst diese Thematik als ein sehr persönliches Thema behandelt, ist kaum übersehbar.

    Mir scheint, dass die Künstlerin sich vor diesen schier unüberwindlichen Berg gestellt hat - oder ist es eher ein Tal, in das wir hineinstürzen oder hinabgesogen werden können? Sie zeichnet, malt, formt - arbeitet sich ab an diesem schweren Erbe und zeigt damit, dass sie ein Stück Verantwortung übernommen hat - nicht an dem Geschehen von einst, sondern an der Aufgabe der Nachfolgegenrationen, damit offen umzugehen, um zumindest Chancen und bessere Strategien für die Zukunft zu entwickeln. Eine formuliert Waltraud Stalbohm fast wütend: "Toleranz allen gegenüber!"

    Jens Rönnau
  • Ingaburgh Klatt zur Werkschau – Malerei und Plastik
    „… ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarethe
    dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
    er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
    er ruft spielt dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
    dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng ...“
    aus: Paul Celan „Die Todesfuge“

    Die Installation von Waltraut Stalbohm DEIN ASCHENES HAAR SULAMITH von 2007 hatte mich sofort gefesselt. Natürlich hatte auch der Titel Assoziationen wach werden lassen, an die immer wieder berührende „Todesfuge“ von Paul Celan, die den Mord an den jüdischen Menschen Europas beklagt. Aber die Faszination ging nicht vom Titel aus, sondern von der scheinbar schwerelosen, schwebenden Figur, die dem Hier so gänzlich entrückt war.

    Zum ersten Mal sah ich diese 2007 entstandene Arbeit in einer Jahresschau der Lübecker Künstler im Kulturforum Burgkloster zu Lübeck. Waltraud Stalbohm war seit 1999 regelmäßig in den Jahresschauen mit einer oder mehreren Arbeiten vertreten, mit Objekten und Malerei. Das gab mir immer wieder die Gelegenheit, mich intensiv mit ihnen auseinanderzusetzen.

    Regelmäßig stellt sie auch seit Jahren in den Landesschauen des BBK Schleswig-Holstein aus sowie in vielen weiteren Ausstellungen in Schleswig-Holstein, Hamburg und darüber hinaus seit 1977. Gemeinsam mit Künstlerkollegen und Politikern hat sie 1989 die „Künstlerinitiative Stormarn“ gegründet, eine Vereinigung von KünsterInnen, die der Kunst in Stormarn mehr Gewicht einräumen wollte, in der sie selbst auch bis heute aktiv ist.

    Doch noch viel zu selten war ihr Werk in einer Einzelausstellung zu sehen. Deshalb freut es mich sehr, dass jetzt die „Werkschau – Malerei und Plastik“ von Waltraut Stalbohm vom 21. Mai bis 2. Juli 2017 im Schloss Reinbek gezeigt wird. Neben Malerei werden Objekte und Installationen den Mittelpunkt der Ausstellung bilden.

    Die intensive Betrachtung von Bildern, Objekten und Installationen erfordert eine sinnliche Wahrnehmung, - keine rationale, wie sie z.B. das Lesen wissenschaftlicher oder gesellschaftspolitischer Texte verlangt. Unsere Sinne werden angesprochen, Reize aktiviert, die das Unterbewusstsein anrühren. Es entsteht eine erhöhte Sensibilität – für die Kunst, aber auch für alles, das uns umgibt – die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, in denen wir leben.
    Das trifft im besonderen Maße auf die Werke Waltraut Stalbohms zu.

    Nicht selten sind ihre Arbeiten auf den ersten Blick verstörend. Gleichzeitig fällt es schwer, den Blick abzuwenden, weil eine ungeheure Faszination von ihnen ausgeht. Sie ziehen das Interesse der BetrachterInnen fast magisch an: die Köpfe, die Torsi, die Gestalten, - als Malerei wie als plastische Arbeiten oder Installationen.

    Manche Menschen entziehen sich jedoch dem Dialog mit den Arbeiten, weil sie sofort spüren, dass dieser sie fordern würde, dass man sich nur intensiv oder gar nicht auf die Werke einlassen kann. Denn die Bilder, Plastiken und Installationen sind parteiisch, sie nehmen Stellung zu Konflikten und Problemen in dieser Welt - in Vergangenheit und Gegenwart. Sie entstehen aus einem tief empfundenen Mitleiden im wörtlichen Sinne, das Ausdruck findet in vielfältigen künstlerischen Formen.

    „Anlässe sind Bilder, Fotos, Gehörtes, Gelesenes, Gesehenes – Eindrücke, die mich anspringen, die in mir etwas auslösen, mich in Unruhe versetzen, was ich gar nicht genauer definieren kann in diesem Moment. Mit der Arbeit versuche ich dann, herauszufinden, was diese Unruhe in mir ausgelöst hat.
    Ich glaube, künstlerisch beschäftigen mich die Verletzungen seelischer Art, die sich körperlich manifestieren – körperliche Verletzungen und Demütigungen, die auf die Seele, die Würde, den inneren Halt des Menschen abzielen.“ so die Künstlerin.

    So lange es Menschen gibt, haben Künstler und Künstlerinnen den Weg gewählt, mit Malerei, Zeichnung, Bildhauerei die Menschen zu sensibilisieren, zu öffnen für Gedanken und Ideen ethischer Natur. In den Arbeiten von Waltraut Stalbohm ist kein erhobener Zeigefinger zu finden. Sehr zurückhaltend stellen sich die Plastiken, die Malerei dem Blick der Kunstinteressierten. Es sind keine lauten, schnellen Botschaften, sie erschließen sich erst langsam und leise.

    Starke Assoziationen weckt die 2006 entstandene Skulptur „Kopf mit Saiten“, die in einem Kubus aus Plexiglas plaziert ist. Ein von vielen Saiten durchbohrter Kopf lässt an den „gläsernen Menschen“ denken, der kontrolliert, von allem Seiten beobachtet wird, dessen Gedanken überwacht und registriert werden, „Big brother is watching you“. Nicht nur in totalitären Staaten ist diese Überwachung alltäglich, in den Zeiten der Digitalisierung von – vielfach freiwillig preisgegebenen - Daten sind die Menschen einer ständigen Beobachtung zum Beispiel zu kommerziellen Zwecken ausgesetzt.

    Emotional aufrüttelnd ist das Bild „Die Wand“, das Waltraut Stalbohm nach einem Foto Henry Cartier-Bressons 2005 gemalt hat. Es zeigt ein Kind vor einer großen dunkelgrau strukturierten, nach oben hin hellgrauen Wand. Sie könnte durch Feuer geschwärzt sein, könnte auch Einschüsse haben, könnte eine Wand in einer von Krieg zerstörten Stadt, vielleicht verlassenen Stadt sein, in der dieses Kind allein zurückgeblieben ist. Die Augen des Kindes sind geschlossen, mit dem einen ausgestrecktem Arm scheint es sich an die Wand zu lehnen, der andere Arm streckt sich nach unten. Das zarte Kind, dessen blasses Gesicht mit dem blassblauen Hemd korrespondiert, wirkt verloren vor der vergleichsweise riesigen Wand - ein Symbol für das ungeheure Leid, das vielen Kindern widerfährt – bis heute.
    Aus dem Bild spricht die große Empathie, welche die Künstlerin empfindet. Diese überträgt sich auf die BetrachterInnen der. Arbeit.

    „Die Sehnsucht nach einer friedlicheren, toleranteren Welt, geprägt durch ein Miteinander und im Kontrast dazu die Wahrnehmung einer Wirklichkeit, in der geistige, politische, religiöse Konflikte mittels physischer und psychischer Gewalt ausgetragen werden, sind Anlass für meine künstlerisches Arbeiten.“

    Diese Aussage Waltraut Stalbohms bestätigt sich in den vielen unterschiedlichen Arbeiten der Künstlerin, die im Schloss Reinbek zu sehen sind. Sie regen zur Reflexion der eigenen Position im Hier und Heute an.

    Ingaburgh Klatt
  • Doris Cordes-Vollert, zur Ausstellung "LeibHaft" im Kunsthaus amSchüberg, Ammersbek
    LeibHaft

    Bilder durch Worte entstellen?
    oder darüber sprechen : wie sich Mal-Material zur Figur bildet.
    Die Faszination des menschlichen Körpers, als eine spezifische Sprache, hat immer bildende Künstler bewegt. Sie scheint so selbst-verständlich. Ist das aber wirklich die Sprache, die uns geläufig ist ?
    Oder haben wir nicht doch immer mehr verlernt, im Ausdruck der Sprache der Körper zu lesen, angesichts der Geschwindigkeit und der Bilderflut, die sich über uns ergießt an jedem neuen Tag, mit ihrer Informationswut über Verletzungen und Verstümmelungen ?
    Natürlich fallen einem die Griechen ein und vielleicht Michelangelo, aber auch Beckett. 
    Wodurch, durch welches Bewusstsein wurde das ideale Menschenmaß der Griechen gestört ? die an ihre Götter dachten, aber ihnen nacheiferten, und dann schien menschliches Maß sich als Hybris über alles zu stülpen und sich dabei zu zerquetschen.

    Uns ist gräßlich bewußt geworden, was Menschen Menschen antun können.
    Auf Waltraud Stalbohms Arbeitstisch liegen, häufeln sich Zeitungsausschnitte, dazwischen ausgeblichene Fotos von Theateraufführungen, in denen Menschen in leeren Bühnenecken kauern.

    Das Nachdenken über Form beginnt mit der Empfindung der Leere des Raumes, in dem die Choreografie stattfindet und den Raum belegt.
    Dann liegen da noch Zettel, Gläser, Stifte, Flecken, ein Artikel:  „Leben ist schwerer, sterben geht leicht“ ?
    Ich setze ein Fragezeichen.
    Worte austauschen, gefangengenommen, leibhaftig verschränkt.
    Personifizierung schon immer : niemals.

    Figuren formulieren Form. Immer unfertig. Stufen der Zerrissenheit.
    Etwas in Augenhöhe. Etwas fällt uns auf den Kopf ? 
    Was engt uns ein ?

    Es sind die Atmosphären durchschrittener Räume, die eine Figur bilden, mit Empathie und Zweifel ertastet, niemals gesetzt.

    Es scheint einerlei : bezieht sich die sich vermittelnde Stimmung auf jüngste, dauerhaft andauernde Nachrichten oder ist sie existentiell ?
    Leibhaftige Ambivalenz.

    Die Unsagbarkeit der Welt. Wenn man wüsste, was man zu sagen hat, braucht man es nicht mehr zu sagen.
    Sich die Worte nicht aus dem Mund schlagen lassen.
    Wenn man wüsste, was man malen will, braucht man den Pinsel nicht mehr in die Farbe zu tauchen.
    Sich den Pinsel nicht aus der Hand nehmen lassen.
    Nach Auschwitz muss weiter gedichtet werden, mehr denn je.
    Aber wie ?
    Zweifel an der Darstellbarkeit der Verzweiflung.
    Ich hab den Vorteil eines Einblicks in ihr Atelier gehabt.
    Die Suche.
    Die Suche danach, etwas ausdrücken zu wollen, was nicht mit Begriffen wie Stuhl, Bett oder Dreieck sicher zu bezeichnen ist, ist wie Gehen im Treibsand.
    Es gibt keine Sicherheit, auch wenn es nachher so aussieht. Nur kratzen, schaben, neu anfangen.
    Gemalt wird, was sich weigert, was verhindert gemalt oder ausgedrückt zu werden, hat Beckett mal gesagt oder : „zu repräsentieren bleiben die Bedingungen des Sich-Entziehens . . .
    Gemalt wird, was zu malen hindert“.

    Was soll man sagen über Flächen, denen ihre Flucht in die Raumtiefe anzusehen ist.
    Was soll man sagen über Körper, die aus Farbe geschnitzt oder geschlagen scheinen, oder den Gleichgewichten, die beim Geringsten drohen aus dem Lot zu geraten, die auseinanderbrechen und sich, je länger man hinschaut, neu bilden ? 
    Die labil in der Luft hängen zwischen den Gestellen ?
    Figuren, die negativ, also nicht vorhanden, entschwindend erscheinen ?

    Wie soll man von Farben sprechen, die keuchen ?
    Von aufgestautem Entsetzen, dem die Farbe, dick und wieder abgeschabt, entzogen wurde ?
    Was soll man sagen über diese ganze gewichtig gewichtslose, martialisch kraftlose, schattenlose Schattenwelt ?

    Was soll man sagen über eine Mauer, die zugleich eine endlose Weite ist,  keine Wand im Rücken, vor der man wenigstens von einer Seite her sich sicher wähnen könnte. Oder die sich hinterrücks hinter uns herschiebt, unaufhaltsam sich gegen uns drücken wird ?
    Auf uns zu ?
    In den Rücken hinein ?

    Oder die Gesichter, die sich uns bilden, obwohl sie nicht vorhanden sind, schon wieder verschwinden im bleiernen Untergrund, der doch so ewiglich haltbar, tödlich haltbar als Kammer im Viereck, diese Ambivalenz, denn unsere vergessliche Erinnerung behält nichts als den Negativabdruck als Alptraum in endlosen Reihungen.
    Nur die Augen.

    Und scheinbar ganz anders : die Skulpturen. Wesensgemäß greifbar, vorhanden, in Stein gegossen, betoniert, klar begrenzt, zusammengepresst durch diese Luft, die uns umgibt, unsichtbar.
    Wir atmen das ein.

    Die Materialien überraschen :
    Papiermaché und Blei. Leichtigkeit beschwert.

    Verwirrungen, die sich widersetzen ausgedrückt zu werden. Der menschliche Körper als Zeichen von Zuständen, die sich als unfassbar erweisen, Bedingungen, die sich im Strich zeigen, in der Art und Weise des Malens selbst, der widersprüchlichen Materialität :
    glatt und leicht mit Panzern und Helmen : versehen.

    Versuche zu enthüllen, was uns unverhüllt begegnet, dargestellt durch Überschichtungen, Verhüllungen um zu enthüllen, aber das Objekt der Darstellung ist nicht die Verhüllung oder Enthüllung, sondern der Vorgang, die Beziehung zu den Tatsachen, die unfassbar bleiben, leibhaftig unfassbar.

     
    Doris Cordes-Vollert